Das deutsche Krokodil [Rezension]

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Literatur

Das erste Mal von Ijoma Mangold gehört bzw. gelesen habe ich nicht etwa in der Wochenzeitung Die Zeit oder in der wöchentlichen SWR-Sendung lesenswert, wo Mangold ein festes Mitglied des lesenswert-Quartetts ist. Nein, ich bin über seinen Namen und ein Foto auf der Veranstaltungsseite des Osianders1 gestolpert und wurde neugierig. Ich laß die Beschreibung über den durchaus bekannten Literaturkritiker und Autor und wollte unbedingt mehr erfahren.

Der deutsche Literaturkritiker Ijoma Mangold (2016)

Ich bemühte die Suchmaschine meines Vertrauens und fand mehrere Interviews zu unterschiedlichen Themen rund um die Literatur, sowie Informationen zur Person. Ein schwarzer Deutscher, der Literaturwissenschaft an einer Universität im Südwesten Deutschlands studiert hat und mit seiner Passion nicht nur seinen Lebensunterhalt bestreitet, sondern für seine Kritik auch noch Anerkennung bekommt? Ich war verblüfft! In ihm hatte ich just einen Gleichgesinnten und Vorbild für mich entdeckt. Ich bin eine schwarze Deutsche, die Literaturwissenschaft an einer Universität im Südwesten Deutschlands studiert. Herr Mangold zeigt, dass es durchaus möglich ist erfolgreich über Literatur zu schreiben und zu sprechen.

Nun hat Mangold mit Mitte Vierzig eine Autobiographie geschrieben. Die Beschreibung seiner Memoiren erinnerte mich an eine andere Biographie, aber lest selbst:

Ijoma Alexander Mangold lautet sein vollständiger Name; er hat dunkle Haut, dunkle Locken. In den siebziger Jahren wächst er in Heidelberg auf. Seine Mutter stammt aus Schlesien, sein Vater ist aus Nigeria nach Deutschland gekommen, um sich zum Facharzt für Kinderchirurgie ausbilden zu lassen. Weil es so verabredet war, geht er nach kurzer Zeit nach Afrika zurück und gründet dort eine neue Familie. Erst zweiundzwanzig Jahre später meldet er sich wieder und bringt Unruhe in die Verhältnisse.
Ijoma Mangold, heute einer unserer besten Literaturkritiker, erinnert sich an seine Kindheits- und Jugendjahre. Wie wuchs man als «Mischlingskind» und «Mulatte» in der Bundesrepublik auf? Wie geht man um mit einem abwesenden Vater? Wie verhalten sich Rasse und Klasse zueinander? Und womit fällt man in Deutschland mehr aus dem Rahmen, mit einer dunklen Haut oder mit einer Leidenschaft für Thomas Mann und Richard Wagner?
Erzählend beantwortet Mangold diese Lebensfragen, hält er seine Geschichte und deren dramatische Wendungen fest, die Erlebnisse mit seiner deutschen und mit seiner afrikanischen Familie. Und nicht zuletzt seine überraschenden Erfahrungen mit sich selbst.

(Quelle:Rowohlt Verlag)

Ich musste sofort an Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie (Original: Dreams from My Father. A Story of Race and Inheritance) von Barack Obama denken. Auch wenn es fundamentale Unterschiede in den Lebensgeschichten gibt, sind die Biographien ähnlich genug, dass Mangold eines seiner Kapitel dem ersten Schwarzen US-Präsidenten widmet.

In gewisser Weise fühlte ich auch eine Verbundenheit zu Mangold (und Obama) und es ist vermutlich auch der ausschlaggebende Grund dafür gewesen, warum ich seine Geschichte lesen wollte. Es gibt nur wenig deutsche Literatur, die aus der Sicht einer Schwarzen Person geschrieben wird. Das liegt nicht daran, dass es sie nicht gibt, sondern für zu wenige die Strukturen und Ressourcen gegeben sind um überhaupt als Künstler*in erfolgreich zu sein.

Und auch wenn meine eigene Geschichte anders ist, habe ich mich in Mangold’s Erzählungen immer wieder selbst entdecken können. Hier ein kleiner Auszug:

Gab es Gefiihle des Außenseitertums, der Ausgegrenztheit? Ja, aber sie hatten nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit meiner Neigung zu Literatur und klassischer Musik. Wenn man mit 16 Thomas Mann liest, ist es ja nicht nur so, dass man Thomas Mann versteht, sondern vor allem fühlt man sich seinerseits von Thomas Mann verstanden, und zwar besser als von den Zeitgenossen, namentlich den Schulkameraden. Und so schien mir meine Liebe zu Thomas Mann und Richard Wagner das eigentliche Stigma meines Lebens zu sein: Es machte mich zum Sonderling, der nie die Freuden der Gemeinschaft würde genießen dürfen. (S. 129)

Da habe ich mich sofort wieder erkannt. Das Dasein eines Außenseiters, nur weil man nicht irgendwelchen Stereotypen entspricht, kenne ich sehr gut. Mittlerweile kann ich dem Ganzen drüber stehen, aber als Kind und Jugendliche? Was für ein scheiß Gefühl.

Vor allem war es ein Vergnügen zu lesen, wie Mangold seine Leserschaft mit auf seine Reise der Selbstfindung nimmt. Seine nigerianischen Wurzeln waren stets sichtbar, aber durch die Abwesenheit seines Vaters war er nie zwischen zwei Kulturen und Familien gefangen. Durch einschneidende Ereignisse im Erwachsenenalter wurde das Leben des Autoren ordentlich durcheinander gewirbelt.

Fazit: Ich kann jedem das Buch ans Herz legen, der*die auf der Suche ist nach Narrativen, die die Erfahrungen von Schwarzen Deutschen, frei von Stereotypen, widerspiegelt. Am Beispiel des Autoren zeigt sich, dass das Deutsch sein und fühlen nicht von der Hautfarbe oder der Herkunft der Eltern abhängig sind. Die Gefühle und Erlebnisse des jungen Ijoma sind komplex und zeigen die innere Zerrissenheit eines Menschen, der nicht so genau weiß wohin er*sie gehört. Ich glaube mit den Erfahrungen des Autoren können sich einige Deutsche mit Migrationshintergrund identifizieren. Deshalb ist es so wichtig, dass diese Erzählungen und Erinnerungen aufgeschrieben und gelesen werden.

Meine Wertung: (4/5)


ISBN:  978-3-498-04468-8

Verlag:  Rowohlt

352 Seiten

Erscheinungstermin:  18.08.2017

Preis: 19,95 €


1. Osiander ist eine überregionale Buchhandlung, die über 40 Filialen im Südwesten betreibt. Nein, der Beitrag ist nicht gesponsert.

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