Visionen

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Persönliches
Vision
Mir wurde empfohlen meine Lebensplanung niederzuschreiben. Vermutlich war damit nicht gemeint es öffentlich im Internet auszuschlachten. Gar nicht so einfach, wenn man sich in einer Umbruchphase befindet die nicht nur Euphorie mit sich bringt, sondern auch Angst. Angst, keinen Studienplatz zu bekommen (wie schon einige Male zuvor). Angst, keinen Praktikumsplatz zu bekommen (weil die Firma jemand jüngeres möchte). Angst, sich seinen eigenen Niederlagen aus der Vergangenheit zu stellen. Wenn vergangene Traumata wieder präsent sind und die Zweifel größer werden, obwohl man genau weiß, dass man in den vergangenen vier Jahren unglaublich viel erreicht hat. Zumindest nach meinen eigenen Maßstäben. “Never compare your weaknesses to other people’s strengths.” Ein treffendes Zitat, welches ich mir öfter vor die Augen halten sollte. Am Besten gleich als Mantra in mein Repertoire aufnehmen und jeden Tag hundert Mal aufsagen.

Wie geht es jetzt weiter? Master (of Disaster)? Ein klares JA! Egal was passiert, ein Masterstudium ist in Planung. Die Bewerbungsphase erreicht momentan seinen Höhepunkt und bei jeder Abgabe gibt es ein kleines Stoßgebet. Die Erwartungen an mich selbst sind sehr hochgesteckt. Meine Karriere hat vorerst die oberste Priorität auf meiner To-Do Liste “Leben vor dem Tod.” Auch wenn meine biologische Uhr angefangen hat etwas lauter zu ticken als noch vor ein paar Jahren, sehe ich überhaupt keine Eile mich in eine langfristige Beziehung, Ehe, und Familiendasein zu stürzen. Ich bin egoistisch und möchte mich selbst finden, bevor ich die Verantwortung anderer Lebewesen übernehme (sei es Partner, Haustier, oder eben Kind). Ausserdem bin ich nicht die Frau, auf die sich jeder Mann stürzt und umgekehrt.

Für mich stand schon als junges Mädle schnell fest, dass der Beruf der Journalistin unglaublich faszinierend ist. Diese Faszination begleitet mich seither, auch in meinem Studium. Während meinem einjährigen Auslandsaufenthalt in den USA hatte ich endlich die Chance mich konkret auszuprobieren und das Handwerk zu erlernen. Nun versuche ich dieses Wissen in Deutschland zu erweitern: sei es in Form von Blogging, das Wahrnehmen von speziellen Angeboten der Uni, oder eben die praktische Anwendung in Form einer journalistischen Hospitanz.
Das ist gar nicht so einfach, wie es klingen mag und das Berufsfeld noch immer so beliebt wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Ich sehe mich auch nicht unbedingt als die “perfekte” Kandidatin. Ich habe zum Beispiel nicht vor für Radio oder Fernsehen zu arbeiten, zumindest nicht mit meiner Stimme bzw. meinem Aussehen. Vor allem liegt es daran, dass ich mich nicht als das deutsche Ideal einer Nachrichtensprecherin oder Moderatorin sehe. Die Gesellschaft tut es genauso wenig (natürlich gibt es Ausnahmen und ich freue mich diese Gesichter zu sehen und deren Stimmen zu hören, aber für mich persönlich sehe ich das nicht als meine eigene Realität).

Habe ich einen Plan B oder sogar C, D, E, und F? Na ja, genau diese versuche ich derzeit zu formulieren. Früher war das ja immer der Beruf der Informatikerin. Dieser Traum ist zerplatzt nachdem ich nach drei Semestern im Ingenieurstudium zwangsexmatrikuliert wurde—wegen Mathe. Wir wissen doch alle, dass Mathe ein Arschloch ist. Auch die Vorstellung für längere Zeit bei einer der schwäbischen Automobilhersteller als Softwareentwicklerin zu arbeiten, hat bei mir einen Brechreiz ausgelöst. Nicht gerade schön. Auch wenn ich mich noch immer für Technik begeistern kann, weiß ich dass ich das nicht hauptberuflich machen möchte. Schade eigentlich, da Frauen im STEM noch stark in der Unterzahl sind.

Nach dem ich mich von diesem Weg zwangsläufig verabschiedet habe, nahm ich mein derzeitiges Studium auf und schrieb mich für Englisch und Ethnologie ein, in der Hoffnung während des Studiums mich profilieren zu können. Das erste Semester war geprägt von Selbstzweifeln und Angstschweiß und mit null Plan. Ein späterer Richtungswechsel zur Amerikanistik zeigte sich als fruchtbar und aufregend. Es macht Spaß! Ich darf mich ausprobieren! Aber, was mach ich damit? Ein direkter Einstieg in den Beruf kommt für mich nicht infrage, weil ich nicht weiß, ob ich denn tatsächlich beruflich als Journalistin Fuß fassen werde. Vielleicht werde ich später im Management arbeiten wollen? Oder als Diplomatin? Oder vielleicht doch nochmal die Idee Jura aufgreifen? Was davon ist Plan B, C, oder D? Ist es überhaupt realistisch konkrete Berufsbilder schablonenhaft in die Karriereplanung einzubeziehen?

Ich merke schnell, ich kann mich zu diesem Zeitpunkt nicht festlegen. Das Gute dabei? Ich weiß, dass das nicht schlimm ist. Ich möchte meine Forschungsinteressen vertiefen.  Ich will forschen, aber mich auch in anderen Gebieten ausprobieren. Ich möchte beides machen und das ist aufregend. Aber auch beängstigend. Als Arbeiterkind denke ich mir manchmal, ich hätte nach der Realschule (das ist jetzt schon zehn Jahre her) direkt eine Ausbildung bei der Bank anfangen sollen. Die Situation würde ganz anders aussehen, aber wäre ich zufrieden und glücklich? Vielleicht ja, wahrscheinlicher ist es das ich es nicht wäre. Genau deshalb erlaube ich es mir selbst, auch ohne Privilegien, die Zeit zu nehmen, die ich brauche um mich und meine Berufung zu finden. Wenn die schnelllebige Gesellschaft solch langfristige Karrierewege noch zulässt.

Wenigstens habe ich eine Vision. Eine Vision die mir zeigt, dass ich gar nicht scheitern kann. Eine Vision die mir voraussagt, dass ich ein Leben führen werde, das über dem liegt was ich bisher kenne und gesehen habe. Eine Vision, die all das vereinigt was ich mir sehnlichst wünsche. Eine Vision ist aber auch, dass sich Pläne schnell ändern können. Deshalb sollte ich das gar nicht so eng sehen, wenn meine heutige Vision nicht mit meiner Zukunft übereinstimmt. Die Visionen der 12-Jährigen Yasmin sind auch nicht mehr dieselben wie die der Mittzwanzigerin Yasmin.

Alles ist im Wandel und das ist ok.

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